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Mein Gewitterungeheuer und ich

Liebe Leser,

in meinem Kopf wohnt ein Ungeheuer. Es ist laut, es ist stachelig und es hat ganz furchtbar schlechte Manieren. Es nimmt keine Rücksicht auf Termine oder Ruhezeiten, bohrt, sägt und hämmert selbst nachts und an Wochenenden.



Das schlimmste an meinem Untermieter sind weder Stechen, noch das Pochen  und auch nicht die Übelkeit und der Schwindel, den das Ungeheuer auslöst, wenn es in meinem Kopf wütet und tobt. Was mich wirklich belastet, ist das schlechte Gewissen.

 Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht so viel bei der Arbeit leisten kann, wie ich es könnte, wenn das Ungeheuer nicht da wäre. An manchen Tagen kann ich kaum denken vor Schmerz und wer nicht denkt, vergisst Statistiken auszufüllen, übersieht Dinge und versteht Dinge falsch. Das dürfte nicht sein, denn bei der Arbeit muss man voll konzentriert sein. Und die Menschen, die zu mir als Dienstleister kommen, erwarten zu Recht meine volle Aufmerksamkeit und ein warmes Lächeln. An manchen Tagen schaffe ich nur noch ein gequältes und bekomme deshalb ein schlechtes Gewissen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil mir oft gesagt wird, dass ich nicht genug unternehme, um das Gewittertier Zwangsräumen zu lassen. Ich war bei vielen Spezialisten, aber keiner von ihnen bekam mein Ungeheuer in den Griff. Mein Umfeld versteht das nicht. Und wenn ich, wie Anfang letzten Jahres, sechs Wochen am Stück täglich von Kopfschmerzen gepeinigt werde, fällt es ihnen schwer, zu glauben, dass dies nur meine Migräne und harmlos ist.

Und es zerreißt mich, dass ich nicht immer mit voller Energie für meine Familie da sein kann. Mein Kind verdient eine Mutter, die mit ihr herum tobt, die Geduld und Phantasie und Spaß an gemeinsamen Unternehmungen hat. Keine gereizte Frau, die bei Hüpfen und Singen des Kindes die Augen zukneift und um Ruhe winselt. Mein Mann verdient eine echte Partnerin, auf die er sich immer verlassen kann und die sich gerne mit ihm unterhält, wenn er etwas mit ihr teilen möchte. Und nicht nur dann, wenn sie gerade mal Pause von ihrem Untermieter hat. Wegen dieser beiden Herzensmenschen habe ich das größte schlechte Gewissen.

Manchmal packt es seine Koffer und geht für ein paar Tage oder sogar Wochen auf Reisen. Dann kann ich endlich wieder frei denken, dann kann ich essen, was ich will und das Lächeln breitet seine Schwingen wieder leichter auf meinem Gesicht aus. Solang das Gewitterungeheuer verreist ist, kann ich mit meiner Tochter toben, kann hüpfen und ertrage selbst Blockflötenübeungsstunden.

Doch schon bald schickt mir mein Gewitterungeheuer eine Postkarte: "Ich komme nach Hause!", steht dort. Und dann werde ich wieder diese empfindliche Person, die ich selber nicht leiden kann und die nicht das leistet, was sie eigentlich könnte.

In diesem Monat war das Monster schon mal mehr Tage unterwegs, als in meinem Kopf zuhause. Das kam in den letzten Monaten selten vor und ich bin sehr dankbar dafür. Ich bin ja eine olle Optimistin und hoffe auf einen weiteren Ausbau dieser Tendenz.

Und hier kommt auch schon der nächste Grund für mein schlechtes Gewissen. Ich möchte nicht jammern. So ziemlich Jeder - besonders in dem Alter, in das mein Umfeld jetzt so kommt - hat irgendeine Achillesverse. Jedem tut es dann und wann irgendwo weh und viele, viele sind richtig schlimm krank. Lebensbedrohend krank. Und Migräne ist nicht gefährlich. Ehrlich nicht! Nur einschränkend. Und jedes Mal, wenn einer fragt: "Haste was? Du guckst so!", kneife ich ein Auge zu und murmle "Hm, Kopf." Wenn man das ein, zwei Mal im Monat sagt, erntet man viel Mitgefühl. Sagt man das 20 Mal oder öfter im Monat, sind doch alle nur noch genervt.

Ich bin hin und her gerissen, zwischen dem Bedürfnis, mich für mein grantiges Gesicht und mir entgehende Pointen zu rechtfertigen und dem Wunsch, keinem mit meinem Befinden auf die Nerven zu gehen.

Falls Ihr Euch jetzt fragt, warum ich Euch das alles erzähle, findet Ihr die Antwort im Absatz über diesem. Ich möchte mich bei Euch entschuldigen für Posts und Termine, die ich nicht einhalten kann und falls Ihr mir persönlich begegnet: bitte bezieht es nicht auf Euch, wenn ich mal ganz doof gucke! In den allerseltensten Fällen sollte es an unserem Gespräch liegen. Bitte nehmt es mir nicht übel. Das bin ich nicht, es ist das Gewitterungeheuer.

Und jetzt muss für heute Schluss machen. Ich habe da eine Postkarte bekommen.

Allerliebste Grüße
Eure Endwinterwunder

Kommentare

  1. Ich glaube, nur wer auch schon mal Besuch von diesem fiesen Monster bekommen hat, kann wirklich verstehen, wie fies der Geselle ist. Ich kenne ihn leider auch. Derzeit (hier in Frankreich vermutlich wegen der Meerluft und dem am anderen Essen) zum Glück eher selten. Da wo ich hinziehe gibt es viel Nebel, da vermutlich leider wieder öfter... Hab die Erfahrung gemacht, dass Leute irgendwann sagten "jetzt weiß ich erst mal wie schlimm das ist".
    Alles Liebe Dir und mach Dir kein schlechtes Gewissen. Das brauchst Du nicht auch noch haben.
    Herzliche Grüße
    Tanja

    AntwortenLöschen
  2. Oh, ich danke Dir für Deinen lieben, verstehenden Kommentar! Gutes Gefühl! Hoffe, Deine Nebelbefürchtungen bewahrheiten sich nicht!

    Allerliebste Grüße!

    AntwortenLöschen
  3. Hallo,
    wenn ich sowas höre/lese juckt es mir in den Therapeutenhänden. Vielleicht hast Du es schon ausprobiert aber ich stell es einfach mal in den Raum: Triggerpunktbehandlung (http://www.triggerpunkt-akademie.de/trigger/ ) oder eine gescheite CMD Behandlung.

    Liebe Grüße und gute Besserung!
    Nicole

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